alle sehen ihn, alle wissen es, alle sind betroffen – niemand spricht darüber…

Auf diese provokative Aussage stiess ich vor ein paar Jahren in einer Aufklärungsbroschüre über HIV/AIDS.

Seither sind viele Fortschritte erzielt worden. Es wird über das Thema gesprochen, es sind grosse Erfolge in der Therapie zu verzeichnen, für „die Welt“ ist HIV/AIDS kein akutes Problem mehr.

Sehr wohl aber ist es immer noch ein Problem für die Betroffenen, wenn auch nicht mehr unmittelbar lebensbedrohend, so doch sehr einschneidend und die Lebensqualität beeinträchtigend.

Die medikamentöse Therapie ist hier in Kangemi gesichert. Stigma und Diskrimination ist jedoch, trotz aller Aufklärung und Unterstützung in Selbsthilfegruppen ein „Elefant im Wohnzimmer“.

In der Dispensary sehe ich täglich bis zu 20 Menschen, die mit der Immunschwäche leben und auf ihre je eigene Art mit ihr umgehen.

Jede/r Betroffene hat eine „Pineapplecarte“, das ist eine gelbe Karte, auf der die aktuellen Daten des Patienten eingetragen sind. Niemand weiss, warum die Karte so heisst und warum sie gelb ist. ( Im Fussball ist die gelbe Karte ein Warnung….)

pineapplecard

Diese Karte wird von den meisten aus einem schwarzen Plastiksäckchen, oftmals auch zerknüllt aus der Hosentasche oder sonst irgendwie sehr diskret hinter verschlossener Türe zu Tage befördert.

Und nach der Kontrolluntersuchung verschwindet sie wieder….

Die Kontrolluntersuchung umfasst einen kurzen körperlichen Checkup, bei Bedarf eine Blutkontrolle, eine standartisierte Befragung über Befinden, Anwendung von Präventivmassnahmen, sowie die Medikamentenkontrolle. Die mitgebrachten Medikamente werden gezählt und es wird kontrolliert, ob der Patient die Verordnung eingehalten hat. Alle Ergebnisse werden im Computersystem festgehalten.

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Dann werden die Medikamente für die nächsten 4-8 Wochen verordnet und durch die Apotheke abgegeben.

Vielen Menschen geht es unter der Therapie gut, sie führen ein Leben mit wenig Einschränkungen.

Wenn sie sich schon etwas an die „Muzungu“ gewöhnt haben, ergeben sich oft herzliche Gespräche, allerdings kommen auch ihre Schwierigkeiten und manchmal massive Probleme zu Sprache.

Catherine hat Probleme, ihre Medikamente regelmässig einzunehmen, weil sie in einem Wohnheim mit anderen jungen Frauen wohnt und es dort keine Privatsphäre gibt.

Mercy, eine 22 Jährige Studentin erzählt mir, dass sie vom Rift Valley wo sie studiert, jedesmal 5-7 Stunden mit dem Bus herfährt. Sie will von keinen Bekannten, Verwandten oder Freunden erkannt werden.

Owuor kann oft die Termine für die Kontollen nicht einhalten, weil er an unterschiedlichen Orten arbeitet. Ausserdem sollen die Arbeitgeber nichts von seinem „Handycap“ wissen.

Elisabeth und ihr 6 Monate altes Baby leben im Haus ihrer Arbeitgeber, die auf keinen Fall etwas über den Status ihrer maid wissen sollen. Sie hat grosse Angst, entlassen zu werden.

Und da ist noch Amelie mit ihrem 18 Monate altem Sohn. Sie hat seit der letzten Kontrolle 5 Kilogramm abgenommen. Sie hat ihre Arbeit verloren und schlicht nichts mehr zu essen – wir können ihr für’erste ein Lebensmittelpaket mitgeben.

Mara und ihr Ehemann kommen häufiger in die Kontrolle: Mara ist in der Intensiv-Therapie wegen Tuberkulose. Sie ist sehr ausgezehrt und schwach und kann fast nicht zu sich nehmen. Sie erhalten Zusatznahrung und Vitamine. Wichtig ist ihnen, dass das Ganze gut und neutral eingepackt wird.

Dies sind nur einige wenige Beispiele aus dem Alltag. Sie zeigen jedoch auf, dass das Leben mit HIV/AIDS immer noch eine grosse Herausforderung für benachteiligte Betroffene darstellt und dass Stigma und Diskrimination noch sehr aktuell und gefürchtet ist. Trotz aller Aufklärung und professionellem Umgang mit der Immunschwäche, ist sie immer noch sehr präsent und leider sind Neuinfektionen vor allem hier in Kenya in der letzten Zeit auch wieder zunehmend. Es gilt wirklich, dranzubleiben!

Sehr ermutigend ist, dass morgen, Samstag, 12.11 2016 ein Buch eines Betroffenen vorgestellt wird. In seiner Biographie schreibt Peter Ouma sehr offen über sein „positives Leben“. Es ist sehr zu hoffen, dass sein Beispiel von vielen Menschen aufgenommen wird.

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Ein Highlight war auch das „medical camp“, eine Art „Tag der offenen Türe am 15./16. Oktober in der Dispensary.

 

93 werdende Mütter nahmen an diesem Wochenende die Gelegenheit war, die Maternité zu besichtigen. Sie erhielten Informationen über gesunde Ernährung, HIV/AIDS Vorsorgemassnahmen in der Schwangerschaft, sowie die Möglichkeit, eine Ultraschall-Untersuchung durchführen zu lassen. Das Angebot fand guten Anklang – ich bin sicher, dass ich vielen Frauen während ihrer Schwangerschaft und bei der Geburt wieder begegnen werde.

Ich danke euch allen für die Unterstützung jeglicher Art – wünsche allen eine gute Zeit und melde mich bald einmal wieder.

Herzlich, Renate Gisler

 

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